Ist in Gemeinschaft leben heute nicht mehr angesagt?


#1

Eine in diesem Forum sicher provokante Frage.

Dank dieses Forums wird dieses Thema für alle die Menschen erlebbar die sich dafür interessieren. Vielleicht wird es dadurch überschätzt?
Doch wie hoch ist der Anteil dieser Wohnform in der Gesellschaft?
Meine Erfahrung zeigt ein nachlassendes Interesse. In Oberschwaben und dem Allgäu gab es bereits in den 70er und 80er Jahren viele Kommunen und zahlreiche WGs. Überwiegender Tenor war eine Alternative Lebensform mit dem Aussteigen aus dem Kommerz.
Aktuell kenne ich nur eine (Arnach) die seit 40 Jahren besteht.
Bei unseren Wohnprojekttreffen kommen in der Regel 10-25 Personen. Ein nicht unerheblicher Anteil kommt wegen dem konkreten Wohnungsangebot.
Bezogen auf unser Einzugsgebiet verschwindend gering.
Bei Gesprächen im großen Bekannten und Freundeskreis wird diese Wohnform mit überwiegender Mehrheit für sich selbst nicht gewünscht.
Ist es das knappe Angebot an Geld oder an Wohnraum, die die Nachfrage nach dieser Wohnform überwiegend in den jungen Jahren steigen lässt?
Ich persönlich schätze den Anteil an in Gemeinschaft lebenden Menschen bei deutlich unter einem Prozent vermutlich sogar unter 0,1%.
Wie ist Eure Erfahrung?
Steigt das Interesse oder geht es eher zurück?
Ich freue mich auf den Austausch.


#2

Ich lebe in Berlin wir sind hier über Netzwerkagentur Generationen-Wohnen sehr gut organiesiert.Aus meiner Erfahrung nimmt der Anteil der in neuen Wohnformen zu lebenden Menschen ,eher zu.
Es gibt nur zu wenig bezahlbaren Wohnraum dafür Auch das Umsetzen von Wohnformen mit kleinen Wohnungen aber grossen Gemeinschaftsflächen im öffentlichen Wohnungsbau ,ist in den Köpfen der Politiker noch nicht angekommen.Wir haben mit Frau Lompscher eine Bausenatorin --die sehr gesprächbereit ist.
Ich gehöre einem Wohnprojekt "Wohntraum "an und wir sind dabei unseren Wohntraum Ende 2019 in Berlin Neukölln zu realisieren .Generationsübergreifend bezahlbar sozial verträglich.
Marion Geisler --Es ist ein langer Weg aber es lohnt sich.Meine Erfahrung ist das die Leute eher zu spät los gehen um sich nach Wohn-Alternativen um zu sehen --dann dauert es zu lang und sie verlieren die Geduld --sind auch schlicht zu alt.
Ideal wäre es wenn man sich so um die 50 Gedanken macht --Wie möchte ich im Alter wohnen.


#3

Ja Wohnprojektbodensee, ich sehe es ähnlich, der Wunsch nach irgend einer Gemeinschaft ist mehr oder weniger tief im inneren bei fast jeden Menschen verborgen, allerdings wird er in der Regel in einer Familie gelebt und geprägt und oft als Glückseligkeit fürs ganze Leben verkauft, was aber leider nur sehr selten der Fall ist. Früher war es nicht anders, nur war es da die Not und Abhängigkeit die die Familien und Dorfgemeinschaften zusammen gehalten haben. In der heutigen Zeit haben die Menschen mehr Freiraum, den sie ausleben können und das ist auf den ersten Blick auch gut so, nur bringt es auch Nachteile mit sich, ganz besonders im Bereich des gemeinschaftlichen Lebens. Denn kaum einer besitzt noch die Fähigkeit sich irgend welchen Gemeinschaftlichen Lebensformen, egal in welcher Hinsicht für einen längeren Zeitraum unterzuordnen. Aber genau das braucht eine gute, nachhaltige Gemeinschaftsform. Unmissverständliche und klare Regeln, Zuverlässigkeit, Zeit, Sauberkeit, anständigen Umgangston, Disziplin, Respekt, Anstand, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Nächstenliebe, Empathie und Vertrauen. Ich Frage mich, wie viele Menschen können eine solche Voraussetzung noch mitbringen? 1 % oder noch weniger als 0,1%


#4

Was Dieter schreibt, kann ich genauso bekräftigen. Wir haben gerade zwei Pärchen dagehabt, das eine findet Gemeinschaft für den nachberuflichen Zeitraum ideal, für die anderen kommt es nicht infrage - aber neugierig waren sie doch.

WG als Denkmodell der vorberuflichen Zeit - während der Berufs- und/oder Familienphase das bürgerliche Familienmodell - und vielleicht (Marion beschreibt das sehr genau) im der dritten Lebensphase, nach Familie und nach Arbeit. Ab Mitte 50 muss man sich wirklich Gedanken darüber machen (so wie ich und ich bin glücklich über dieses Entscheidung!).

Der Knackpunkt für unsere Interessenten ist immer wieder der Verkauf der selbstgenutzten Immobilie, das Aussortieren in Speicher, Keller und Wohnräumen. Die Sorge, was ist, wenn man pflegebedürftig wird. Die Sorge, dass Gemeinschaft zu eng gedacht/gelebt wird. Und auch das “Mögen täten wir ja wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut”.

Beim Ausmisten können wir nicht helfen. Für Pflegebedarf haben wir Platz für eine Pflegekraft in einem unserer Gästezimmer. Unsere Gemeinschaft ist freundschaftlich geprägt, ohne Regularien - jede/r gestaltet die Gemeinschaft mit und hat gleichzeitig seine autarke Wohnung, seinen absoluten eigenen Freiraum. Da ist - ganz klar - soziale Kompetenz gefragt. Dabei bin ich, anders als Dieter, deutlich optimistischer: die allermeisten wollen in Harmonie mit ihren Nachbarn/Freunden/Familien leben.

Was darüber hinaus gefragt ist: Das eigene Ego mal hintenanzustellen, wenn es um das ganzheitliche Wohnprojekt geht. Die Mitverantwortung zum Gelingen der Hausgemeinschaft erkennen und sich aktiv beteiligen. Das klappt seit unserem Einzug 2013 ziemlich bis richtig gut. Immerhin sind wir ca. 20 Erwachsene unter einem Dach.


#5

Hallo BraBenla,
dann wünsche ich Euch viel Erfolg bei Eurem Projekt. Es erfordert wirklich viel Engagement dies umzusetzen. Unbedingt schon vorab entsprechende Regeln aufstellen, dass die Gemeinschaft sich schon vor der Bauzeit formt. Bezahlbarer Wohnraum ist schön, dass weckt jedoch Interesse von Menschen, die nur billig wohnen wollen, das macht es dann eher schwierig hier eine Gemeinschaft zu bilden, falls man nicht die Chance hat die für eine Gemeinschaft geeigneten Menschen zu wählen. Ich habe nur sehr wenige Menschen getroffen, die ein Projekt wirklich bis zum Einzug durchgezogen haben. Ich denke auch, dass man sich spätestens mit 50 Jahren intensiv mit der Idee gemeinschaftliches Wohnen beschäftigen sollte, wenn man dies erfolgreich umsetzen will. In “jungen” Jahren hat man mehr Kraft und ist auch noch flexibler.
Gruß Ralph


#6

Hallo Dieter,
das sind exakt meine Gedanken. Ich habe es trotzdem gewagt, weil es mir wichtig ist mit wem und wie ich lebe. Ich hoffe dass sich unsere Gesellschaft nicht weiter so verändert, wie dies in den letzten 30 Jahren passiert ist.
Als Heranwachsender war ich ein Befürworter alte Traditionen zu verlassen. “Kind wie ziehst Du Dich wieder an Gesellschaft” nein danke. Inzwischen bin ich eher ein Befürworter der alten Tradition mit den entsprechenden Verbindlichkeiten und Umgangsformen. Positiv ist die Freiheit des Einzelnen, hier hat sich die Gesellschaft wirklich verändert. Ich bin jedoch der Auffassung, dass die Freiheit des Einzelnen da aufhört, wo es die Freiheit des Anderen beeinträchtigt.
Ja, wie der Mensch und die Gesellschaft sich verändern können.
Gruß Ralph


#7

Ja Wohnprojektbodensee, die Menschen haben sich verändert, das hat auch viel mit der politischen Ausrichtung zu Gunsten des wirtschaftlichen Profites zu tun. Soziale Kälte statt Empathie und Nächstenliebe. Kollegen sind zu ständigen Konkurrenten gemacht worden und Rücksichtlosigkeit gehört zur Tagesordnung. Und das alles damit die Rendite stimmt. Das Geld hat mittlerweile einen göttlichen Status erreicht und entscheidet täglich über Leben und Tot. Ich werde bald in Rente gehen und wünsche mir nichts sehnlicher als mich von diesen zwängen befreien zu können und mit Menschen meinen Lebensabend zu verbringen die ähnlich fühlen. Mal sehen ob es was wird.
Gruß Dieter


#8

Ich bin einer von diesen Menschen, die in jungen Jahren lange in verschiedenen Wohn- und Lebensgemeinschaften gelebt haben. Sogar fast 20 Jahre lang. In dieser Zeit hatte ich verschiedene, auch sich wandelnde Vorstellungen und Erwartungen an dieses Konstrukt.

Vieles war dabei sehr schön, eine Menge aber auch letztlich unerfreulich und schmerzhaft. In meinem Leben haben sich die Dinge dann so gefügt, dass ich am Ende in meine eigene, gemietete drei Zimmerwohnung gezogen bin. Seit dem habe ich in hohem Maße meine kleine, persönliche Souveränität genossen. Ich kann hier alles so machen, wie ich will. Keine einzige dieser endlosen Diskussionen, keine elendigen Kompromisse, kein Theater und immer ist im Kühlschrank genau das, was ich eingekauft habe. Wenn hier jemand Dreck macht, bin ich es selbst - und niemand meckert mich deshalb an. Wenn ich aus irgend einem Grunde Lust habe, das Wohnzimmer zu mulchen, kann ich es sofort tun. Und wenn ich zwei Wochen später finde, dass das eine blöde Idee war, kann ich es sofort wieder ändern. Alle Kosten, die entstehen, habe ich selbst verursacht und zahle sie auch, ich muss hinter niemandem mehr herlaufen und womöglich prozessieren.

Ich denke öfter darüber nach, was ich tun möchte, wenn ich bald mit dem Job aufhöre. Gemeinschaften sind dabei eine Option. Aber nie nicht werde ich meine persönliche Souveränität in Frage stellen.

Ich kann mir gut vorstellen, in einen Zusammenhang zu gehen, der mich thematisch anspricht. Eine WG zum Beispiel, die gemeinsam Musik macht, eine Rentnerband sozusagen. Oder eine Fotografie orientierte Gruppe. Oder irgendwas, was die Welt- Verbesserung (flapsig gesagt) zum Ziel hat. Oder sonst ein Thema, das mich anspricht.

Ich kann mir nicht so gut vorstellen, mich mit irgendeiner Gruppe einzulassen, die ich nicht kenne, die intransparente und diffuse Erwartungen hat und die sich zur Sicherung der eigenen Beständigkeit weitreichende Regularien schafft. Auch wenn ich natürlich nachvollziehen kann, dass dieses irgendwie notwendig ist.

Somit gehöre ich wohl zu de 99.9% der Menschen, die nicht so ohne weiteres von dem Modell zu begeistern sind.

Und um nochmal auf die Ursprungsfrage zurück zu kommen - Ist in Gemeinschaften leben heute nicht mehr angesagt? -

… sag ich es mal abgewandelt mit Rilke: Wer heute im Alter noch keine Gemeinschaft hat, der findet auch kaum noch eine …

That’s it Folks, Ausnahmen bestätigen aber wie immer die Regel …
ich möchte niemanden entmutigen, good luck …


#9

Ich lese gerade die Diskussion hier.

Vielleicht mal den Begriff „Wohngemeinschaft“ durch „Hausgemeinschaft“ ersetzen.

Henning Scherf lebt so und ich habe ihn mal bei einigen Vorträgen erlebt.

Die Haustür ist abgeschlossen, aber die Wohnungstüren „stehen offen“. Das ist in jedem größeren Mietshaus zu realisieren. Da kommt es nur auf das „wollen“ an und es kann sich eine neue Lebenssituation entwickeln.

Der persönliche Bereich bleibt gewahrt, aber mehr Mitmenschlichkeit ist schnell hergestellt.

Heinz-Josef


#10

meine Meinung
in der Lebensmitte haben die meisten Menschen das (für mich verständliche) Bedürfnis, die eigenen 4 Wände für sich alleine zu nutzen und nicht mit anderen Menschen zu teilen.
Mag in der Regel daran liegen, dass man mit Beruf und Familie in Anspruch genommen wird und sich nicht auch noch mit fremden Menschen auseinandersetzen möchte.

Anders in jungen Jahren. Viele junge Menschen sind a) experimentierfreudiger und b) vielleicht aufgrund der noch nicht gefestigten wirtschaftlichen Situation eher in der Lage, gemmeinschaftliches Wohnen als Zugewinn anstatt als Herausforderung zu betrachten.

Problematisch wird es, wenn bei älteren Menschen eine Veränderung notwendig wird.
Ich behaupte, dass es viele ältere Menschen gibt, die sich gemeinschaftliches Wohnen vorstellen können, aber deren Mittel nicht ausreichen, sich an den angebotenen Projekten zu beteiligen. Nicht grundsätzlich besteht immer die Möglichkeit, sich rechtzeitig damit auseinander zu setzen; nicht immer ist ein entsprechendes Bemühen von Erfolg gekrönt - und das kann an unterschiedlichsten persönlichen Kriterien liegen.

Also ich sehe da absolut die Politik in der Pflicht, was natürlich nicht heißen soll, dass jeder einzelne grundsätzlich einen Freibrief hat, um sich auf die Politik zuverlassen.
Umgekehrt ist es auch nicht in Ordnung, wenn sich die Politik aus jeglicher Verantwortung stiehlt und sich darauf verlässt, dass Ehrenamtliche die Initiative ergreifen dort, wo es Handlungsbedarf gibt. Initiativen von Privatleuten sind oft nicht für jedermann geeignet.

Meines Erachtens ist die Fragestellung, ob es nicht mehr angesagt ist, ein falscher Ansatz.
Wie bei vielen anderen Themen müsste man genauer hinsehen, um einen brauchbaren Lösungsansatz zu finden.

Aus eigener Erfahrung: Ich lebe seit ich meine teure Stadt-Mietwohnung aufgeben musste, weil ich sie mit meiner Rente nicht mehr bezahlen konnte, mit im Haus eines meiner Kinder, sozusagen Timesharing-Wohnen, denn die meiste Zeit des Jahres lebe ich im europäischen Ausland, dort wo Mieten noch erschwinglich ist, wenn man weiß wie und wo.
Für das beengte Wohnen für ca. 3-4 Monate jährlich in der Familienwohngemeinschaft (was natürlich nicht immer konfliktfrei ist) suche ich eine für mich geeignete bezahlbare Wohngelegenheit in städtischem Umfeld, wo ich evtl auf einen Pkw verzichten und trotzdem kulturelle Angebote so lange wie möglich nutzen kann. Gibt es nicht. Angeboten werden gemeinschaftliches Wohnen in landlicher Umgebung.
Da käme ich mir abgeschoben und weggesperrt vor und würde vermutlich auch nicht mit den Menschen, die sich in ländlicher Umgebung wohlfühlen, harmonieren.

Man muss eben unterscheiden und kann nicht für alle Menschen nur ein einziges einheitliches Programm anbieten und davon ausgehen, dass ein solches Einheitsprogramm für jeden geeignet ist. Es ist m.E. menschenverachtend, das zu erwarten.

Unsere derzeitige Weltgesellschaft ist drauf und dran, einen Einheitsmenschen erschaffen zu wollen, der sich perfekt in ein 08/15-Einheitsprofil einfügt. Quadratisch, praktisch, gut.
Der Mensch, behaupte ich, ist aber weder für die Wirtschaft noch für die Politik da; umgekehrt wird ein Schuh daraus. Menschenwürde, die lt. Gesetz unantastbar ist, ist nicht einheitlich sondern individuell zu verstehen. Leider ist es oft nur eine leere Phrase, wenn von Menschenwürde gesprochen wird.


#11

Interesse besteht schon, etwas Beständiges, Gemeinsames zu finden oder zu schaffen. Nur bin ich voll berufstätig und muss noch über 2 Jahre arbeiten. Deshalb habe ich momentan weder Zeit noch Muße, etwas für mich Passendes zu suchen.
Trotzdem weiß ich schon, dass ich aus meiner Wohnung ausziehen muss, weil ich sie mir als Rentner nicht mehr leisten kann … ganz schöne Zwickmühle das …
Aber ich vertraue darauf, zeitnah etwas Nettes zu finden :mage: :house_with_garden:


#12

Hallo Jule,
diesen Trend können wir bei den Rückmeldungen unserer Bewerber auch feststellen. Mit dem Beginn der Rente tritt speziell bei Frauen ein finanzieller Engpass ein. Das ist für Deutschland ein Armutszeugnis, wobei man den persönlichen Anteil auch nicht vernachlässigen sollte. Man kann in Gemeinschaft etwas Geld sparen, wenn man teilen (z. B. Auto) kann. Grundsätzlich ist der Wohnraum etwas teurer, weil man auch die Gemeinschaftsflächen finanzieren muß. Ich kenne keine Gemeinschaft, bei der der Wohnraum weniger kostet als die örtliche Vergleichsmiete. Selbst bei einem anderen genossenschaftlichem Wohnprojekt in Wangen mit einer Einlage von 30.000€ ist es nicht günstiger als die Vergleichsmiete.
Dass man kurzfristig eine preiswerte kleinere Wohnung finden kann, hängt von den örtlichen Umgebung ab. In manchen Großstädten dürfte dies sehr unwahrscheinlich sein.
In einer Gemeinschaft kurzfristig einen Platz zu finden sollte man vermeiden, denn es braucht Zeit für diesen Schritt. Auf keinen Fall sollte dieser Schritt unter Zeitdruck entschieden werden. Ich kann Dir deshalb nur raten frühzeitig mit der Suche anzufangen. Bei diesem Forum bist Du richtig um die richtigen Menschen kennenzulernen.
Vielleicht kommt mit der neuen Version der Homepage auch eine richtig gute Suchfunktion, wo man Menschen oder Projekte mit Stichworten suchen kann.
Ich wünsche Dir viel Erfolg beim Finden. Gruß Ralph


#13

Hallo Leute,
ich finde, daß die ursprüngliche „provokante Frage“ von Wohnprojekt Bodensee wieder mal die wertvolle Dynamik dieses Forums auslöst ‒ es kommen vieleviele kluge Überlegungen und interessante Ideen auf den Tisch. So stimme ich der Analyse von Dieter und Rena zu, daß die von den „NeoCons“ erzeugte soziale Vereinzelung die Interessenlage betreffend Gemeinschaftsprojekte beeinflussen mag. Richtig konstruktiv und witzig finde ich den Ansatz von Albert, ein Gemeinschaftsprojekt über gemeinsame Aktivitäts-Interessen anzuschieben, ist doch die Fixierung auf eine sog. „Problemlösung Wohnen im Alter“ vielleicht oftmals eine Spaßbremse und Ideenblockade, statt dessen ist der erste Schritt zur Problemlösung häufig die Lösung vom Problem.
Tatsächlich erscheint mir die ursprüngliche Frage „nachlassendes Interesse“ Ja oder nein und wieviel Prozent von der Gesamtbevölkerung eher irrelevant, denn: wenn ich als Frau X oder Herr Y ein Gemeinschaftsprojekt realisieren will, hilft mir eine hohe gesellschaftliche Sympathie- und Interessenrate von 20, 30, 50 Prozent der Bevölkerung nicht weiter, sondern ich brauche die absolute Zahl von drei, fünf, zehn oder zwanzig (je nach Zielvorstellung) ernsthaft interessierten und vor allem handlungsbereiten Zeitgenossen, diese gilt es zu finden. Womöglich finde ich neben ein paar Entschlossenen einige „halbscharige“ Hättegern-WünschDirwas-Kandidaten, da ist es dann die Aufgabe der Entschlossenen, diese zu motivieren und zu echten Mitstreitern zu machen mittels mitreißender Ideen und Konzepte wie z. B. der von Albert erwähnten gemeinsamen Interessen wie Rentnerband und dergl. Mithin ‒vergessen wir die (möglicherweise demotivierende) Statistik und machen einfach das, was wir für gut und richtig halten, . . . es gibt nicht Gutes, außer man tut es.
Wohlan denn, viel Erfolg allen Alberts, Dieters, Ralphs, Renas und Jules, ungeachtet einer (vermuteten oder tatsächlichen) desinteressierten oder gar ablehnenden Mehrheitsstimmung!:face_with_raised_eyebrow:
Simplicissimus


#14

Hallo Simplicissimus,
ich kann Dir überwiegend zustimmen. Bei der Wichtigkeit der Nachfrage in der Bevölkerung bin ich jedoch anderer Meinung.
Vergleiche die Entwicklung der Nachfrage bei Elektroautos mit der Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnen. Zuerst wurde über Elektroautos nur gelästert, jetzt werden diese langsam gesellschaftsfähig, werden staatlich gefördert und haben eine gute Publicity. Obwohl es natürlich immer noch nur eine Lösung für ein Teil unserer Verkehrsprobleme ist.
Übertragen auf die Wohnprojekte bedeutet dies:
Wir brauchen einen Schub bei der Nachfrage, um Förderung, Auswahl und mehr Bedeutung zu bekommen.
Die Individualität ist ein ganz hohes Gut der Deutschen, wenn man über gemeinschaftliches Wohnen diskutiert. Wohnen im Quartier und kleine Häuser in Ökosiedlungen haben meiner Meinung nach die höchste Zustimmung, gefolgt von Wohnprojekten.
Was ich nicht verstehe, dass die Mehrheit der Deutschen sich doch fast uniform kleidet und ausstattet. Markenklamotten, Status-Autos und ganz viele gesellschaftliche Normen. Für mich kein Problem, aber es passt nicht zusammen. Gab es hier im familiären Zusammenwohnen eine so tiefes negatives Erlebnis, dass man dies unter keinen Umständen nochmals erleben will? :cry:
Gruß Ralph


#15

Hach, Ihr Lieben, als Einzelgänger und Stubenhocker möchte ich schon gern mein eigenes kleines Reich haben - was gemeinschaftliche Vorhaben jedoch überhaupt nicht ausschließt. Nur eine reine Rentnersiedlung möchte ich nicht.
Nun, der wichtigste Schritt, Euch gefunden zu haben, ist ja schon erledigt und Konkreteres wird sich finden, wenn es Not tut - dafür besitze ich genug Gelassenheit und Optimismus.
:kissing: :notes::notes:


#16

Hallo Ralph,
Tja, meine Stellungnahme war ganz schlicht pragmatisch, funktional gestrickt, – aus dem Blickwinkel einfache kleine WG. Du, so habe ich jetzt aus dem Internet-Auftritt vom Wohnprojektbodensee gelernt, bist Aktivist bei einem Großprojekt ‒ da ist die Perspektive freilich eine andere, aufs gesellschaftliche, politische gerichtet. Und angesichts Eurer Ambitionen und Aktivitäten, ja auch „Leistungen“ (Ihr seid ja Schwaben) kann ich Deine Enttäuschung über mangelnde Resonanz in der Allgemeinheit gut verstehen, Ihr hättet wahrlich Interesse und Sympathie verdient, meine ich. Und ich stimme Dir zu, daß eine breite gesellschaftliche Sympathie zum Thema „Gemeinschaftliches Wohnen“ wünschenswert, schöner, besser wäre, nicht nur für Großgemeinschaften wie Eure; womöglich wären Immobilieneigner eher geneigt, an Gemeinschaften zu vermieten, und eine wohlwollende Unterstützung durch die jeweilige Gemeinde könnte auch nicht schaden.
Bloß – wie kriegen wir das hin mit der besseren „publicity“? Ihr tut ja schon viel für Vernetzung mit Eurem Umfeld . . . vielleicht ladet Ihr mal Euren berühmten grünen Ministerpräsidenten ein, zu Ostern oder so, mit Fernsehen, Presse und Allem was dazugehört. Überhaupt Presse ‒ mit der Wangener Prawda solltet Ihr Euch mal beim Trollinger zusammensetzen und Euch die zu Freunden machen ‒ public relations, mehrsachichnich.
Einstweilen Alles Gute für Wohnprojektbodensee
Simplicissimus


#17

Es spielt doch keine Rolle mehr, ob man in einer WG wohnt oder alleine wohnt. Da die meisten sich ehh in seine eigene Ecke verziehen. Was hat das für ein Sinn in einer WG zu wohnen.


#18

Hi Ihr Lieben,
auch ich traueme vom friedlichen WG Leben. Es ist wohl auch eine Toleranzfrage. Bin auch überzeugt, dass man gemeinsam.preisgünstiger wegkommen kann, wobei wohl das Konsumverhalten ne Rolle spielt. Wir sind inzwischen 2 Pers. und werden uns eine guenstige Wohnung in Andalusien mieten.
LG. Gitte


#19

Viele haben wohl wirklich einfach die Angst, das der WG-Partner einem Zeit stiehlt oder einfach unangenehm ist. Ist ja sowas wie eine Hochzeit auf Zeit. Nur nicht mit den ganzen Vorteilen. Nur den Nachteilen.
Denke viele wollen das dann einfach nicht. Deswegen würden sie selbst in einer WG, sich versuchen aus dem Weg zu gehen.


#20

Eine interessante und ungewöhnliche Sichtweise. Wenn es mit der Kommunikation klappt, dann sollte man Dinge finden die man gerne teilt und das sind dann die Vorteile.
Bei Dingen die einem unangenehm sind, sollte man einen Kompromiss finden oder sich trennen. Ganz wie in einer “funktionierenden” Partnerschaft.
Wenn die Vorteile nur das Geld betreffen wird es wie in einer Partnerschaft nicht langfristig funktionieren, das ist zu wenig für beide Seiten.
Ausschließliche Frauen-WGs oder Männer-WGs sollten einfacher funktionieren, da hier in der Regel die Interessen und die Kommunikation näher beieinander liegen. L.G. Ralph